Wickenthies

Aus Bibliothek der Weltenwende
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Thies oder Wickenthies ist eine legendäre Seherfigur aus Burgdorf nahe Hannover, wo er eine lokale Berühmtheit und weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Wenngleich seine Aussagen recht verbreitet sind, weiß man zu der Person selbst nahezu nichts.
Ein Herr Hauptmann Schneider hat bereits 1827 Recherchen über den Thies angestellt, deren Ergebnis im „neuen vaterländischen Archiv“ abgedruckt wurde. Dafür hat er mehrere Schriftstücke aus dem 18. Jahrhundert zusammengetragen. Über die Lebensdaten des Sehers konnte er nichts in Erfahrung bringen, da die Kirchenregister Burgdorfs damals nur bis 1730 zurückreichten. Die genannten Schriftstücke werden vom Hauptmann als sehr dürftig bezeichnet. Es findet sich darin keine Nachricht über die Lebensumstände des Wickenthies; lediglich, daß er in Burgdorf wohnhaft und dort Schuster gewesen sei. Er soll viele Dinge, unter anderem eine große Menge Beerdigungen, vorhergesehen haben. In drei Quellen wird das Jahr 1621 genannt, in dem der Seher in Burgdorf gewohnt haben soll. Fünf von sechs Quellen sind ohne Entstehungsdatum und Verfasser. Eine Quelle stellt ein Protokoll dar, das 1757 von Beamten bei der Befragung des 61 Jahre alten Mannes aufgenommen wurde, der erzählte, was er selbst in seiner Jugend von alten Leuten vernahm. Damit ist die älteste verifizierbare Quelle schätzungsweise erst etwa 80 Jahre nach der Lebenszeit des Sehers entstanden. Vieles ist vermutlich im Laufe der Jahrzehnte oder Jahrhunderte, in welchen die Prophezeiungen nur durch Hörensagen weitergegeben wurden, verändert und ergänzt worden. So lassen einige Stellen, beispielsweise jene, wo das Brot auf dem Schlagbaum liegt oder der Reiter auf dem weißen Pferd von Celle reitet, Zuschreibungen aus der Volkstradition, namentlich der Birkenbaumsage, vermuten. Hinzu kommt, daß es von der Existenz des Sehers keinen sicheren Beleg gibt. Es könnte sich also sehr wohl um eine legendäre Person ähnlich dem niederbayerischen Mühlhiasl oder dem Osttiroler Egger Gilge handeln, dem aus verschiedenen, nicht mehr festzustellenden Quellen Prophezeiungsfragmente neben ex eventu erdachten Aussagen zugeschrieben wurden.
Die im folgenden zitierten Aussagen des Wickenthies entstammen in originalem Wortlaut und Rechtschreibung dem auch von Hauptmann Schneider eingebundenen Extrakt aus dem Archiv zu Burgdorf. In selbigem wird erwähnt, daß er König sieben Söhne habe. Dieser König ist Georg III., der 1774 seinen siebten Sohn bekam. Somit kann dieses Jahr als das früheste mögliche Entstehungsjahr gelten. Wahrscheinlicher ist aber, daß jenes Extrakt erst frühestens 1814 gedruckt, als Georg III. nicht wie bis 1806 Kurfürst, sondern tatsächlich König von Hannover wurde. Der König starb 1820. Nachdem sich die Aussage auf einen gegenwärtigen König zu beziehen scheint, kann der Druck nicht später entstanden sein.

Auszug aus dem Archiv zu Burgdorf aus dem frühen 19. Jahrhundert [1]

„Im Jahre 1618 hat ein Mann zu Burgdorf gelebt, nahmens Thies, dieser hat zukünftige Dinge vorher sagen können, weshalb man ihm Wickenthies genannt hat. Derselbe hat das Prognosticon der Stadt Burgdorf auf eine Zeit über 200 Jahr hinaus gestellt, und zum Zeichen der Wahrheit einige Dinge, welche vorher geschehen würden, angegeben, als:
1. Es sollte ein Hund mitten im Wasser auf der Aue im Teich in eine Weide fünf junge Hunde werfen, diese ist in diesen Seculo eingetroffen.
2. Sollte das Dorf Dätmissen ganz roth werden, welches in so weit eingetroffen, da alle Gebäude auf dem herrschaftlichen Borwerk, welche mit Stroh gedeckt waren, jetzt mit Ziegeln belegt worden.
3. Ueber den Seebock nach Uetzen würde das Föhr ausgefüllt werden, ist auch in diesem Seculo geschehen.
4. Ein großer Kieselstein 3 Fuß hoch und 21 Fuß im Diameter, welcher vor dem Rathhause liegt, würde bersten, dieses ist auch wahr geworden.
5. Auf dem Kirchhofe in der Stadt würde man stehen und die Windmühle vor Uetzen sehen können, dies ist in diesen Seculo eingetroffen, indem diese Seite der Stadt durch Feuersbrunst eingeäschert worden.
6. Eine Kuh würde in Burgdorf ein Kalb mit zwei Köpfen zur Welt bringen, wovon das eine singen, das andere blöcken würde; dieses hat sich auch bestätigt.
7. Das Armenhaus so etwas von der Stadt gelegen, würde dicht vor Burgdorf verlegt werden, ist auch in diesen Seculo eingerichtet.
8. Außer den Hannoverschen Thor, vor der Ahrbecker Föhrt, würde ein roth Haus gebaut werden. Dies ist geschehen und jetzt ein Wirtshaus.
9. Die große Linde vor dem Kirchhofe außer den Hannoverischen Thore, würde der Wind ruinieren, ist auch Anno 1757 geschehen.
10. Der eiserne Klöpper in der großen Glocke zu Burgdorf werde bersten, ist auch 1715 auf einen Sonntag, wie man um 1 Uhr zur Kirche läutet, geschehen.
11. Einstmalen steht er des Nachts auf, wie er wiederkömmt frägt ihn seine Frau was er nun gesehen habe, darauf nennt er ein Haus, woraus eine vornehme Leiche getragen worden, er könne aber nicht wissen, wer der seyn sollte, indem er ein armer Mann in dem Hause wohnte. Hierauf kömmt ein fremder Prediger, und stirbt in diesem Hause, welcher mit eben der Anzahl Folger, wie er gesehen, begraben worden.
12. Einstens da er des Nachts umhergegangen, kommt er des Morgens zum Amtmann und spricht: heute würde man einen Kerl bringen, mit gelben krausen Haaren und braunen Kamisohl, der würde gerädert werden. Wie er noch mit dem Amtmann spricht, welcher ihn verlachet, bringet man einen jungen Kerl, so wie er ihn beschrieben, welcher ergriffen, da er seinen alten Vater todt geschlagen hatte. Derselbe ist im vorigen Seculo vor Burgdorf gerädert.
Sein eigentliches Prognosticon ist folgendes: es würde viel Kriegsheer um Burgdorf herziehen, und sich daselbst lagern, endlich bei der vor Burgdorf liegenden Windmühle eine große Schlacht liefern, wobei es so blutig hergehen würde, daß das Blut gleich Ströhmen vom Berg herunter in den Stadtgraben laufen würde, so, daß das Wasser kaum zu erkennen sey, doch hat er diese Versicherung hinzugefügt, daß den Einwohnern dieser Stadt kein Leid wiederfahren würde. Die Feinde welche ein undeutsches Volk wären, würden so in die Flucht geschlagen werden, daß, wenn ein Brodt auf den Schlagbaume läge, und sie noch so hungrich wären, sich doch keiner die Zeit nehmen würde, solches mit zu nehmen. Diese Schlacht würde anfangs sehr zweifelhaft seyn, wer von Beiden sie gewinnen würde: wenn aber der Reuter mit den weißen Pferde von Celle komme, dann würden die Feinde auf einmal in die Flucht geschlagen. Ob aber die Schlacht im Herbst oder Frühjahr geschehen würde, könne er nicht behaupten. Die Haufen so im Felde gestanden, habe er wegen der Dunkelheit, Furcht und Schrecken nicht recht erkennen können. Das Angenehmste für die Stadt Burgdorf würde seyn, daß der Schatz der Feinde, ihnen zu Theil würde, und sie dadurch einen großen Reichthum bekommen würden. Unter anderen würde im Arbecker Föhrt 2 Fuder Geld stehen bleiben, weil der Damm, welcher in Eile gemacht worden, brechen würde. Die ersten so es angriffen, würden ihr Leben dabey verliehren, die zweite Parthei würde es ohne Schwerdstreich erobern, und die dritte das leere Nachsehen haben. Hierauf würde ein erwünschter Frieden erfolgen, denn gleich darauf würde der Ritter mit dem weißen Pferd von Celle her den Frieden bringen.
 
Zweites Prognosticon des Wickenthies zu Burgdorf.
1. Wollte guter Rath und Feurung sehr theuer werden.
2. Würde ein Krieg entstehen von undeutschen Völkern, solche würden im Lande hin und herziehen, und kein Mensch würde daraus klug werden können was sie haben wollten.
3. Große Feindseligkeiten würden bis dahin nicht ausgeübt werden.
4. Ein Holz, die Haßeltanne genannt, würde von undeutschen Völkern ganz abgehauen werden.
5. Zu großen Burgwedel würde erst ein Scharmützel seyn.
6. Die fremden Völker werden von den Dörfern Ahlingsen und Schillerslage kommen, und werden Mützen tragen.
7. Das Kriegsvolk überhaupt wird so geschwinde zur Schlacht auf das Feld kommen, als man kaum denken kann.
8. Ein Knabe wird Brodt aus Brugdorf holen, und im Herausgehen wird ihn eine Schuhschnalle aufgehen; ohne aufs Kriegsvolk zu denken, legt er sein Brodt ganz sicher auf den Schlagbaum, bückt sich um seinen Schuh zu zuschnallen, indem er aber aufsiehet, wird er mit Kriegsvolk umgeben und sein Brodt weg seyn.
9. Wird vorher eine Sau ein Nest mit Eiern unter einem dicken Baum auswühlen, worunter ein General todtgeschossen wird.
10. Wird ein Fuder Mist aus Burgdorf gefahren werden und wieder umkehren und in die Stadt fahren.
11. Ein Fuder Torf wird in Brand gerathen, ist geschehen und in Celle verkauft.
12. Wird ein Hof in Schillerslage abgebrochen und eine Planke herum gemacht werden, durch diesen Hof werden die fremden Völker marschieren.
13. Das gesammte Kriegsvolk wird den Weg nach Hannover nehmen und hinter sich alles verheeren.
14. Der Vater wird 7 Söhne, der König wird 9 Fuder Geld bekommen.
15. Hannover wird ein Steinklumpen werden.
16. Der große Stein am Rathhause in Burgdorf soll zuvor bersten, alsdenn wird die Schlacht nicht weit entfernt seyn.
17. In Burgdorf werden sie keine Noth haben, wenn sie sich nur vor Rauch und Dampf bergen können. Einmal wird Feuer hinter den Wall auskommen, aber es wird gleich wieder gelöscht werden.
18. Nach der Schlacht wird der Weg nach Celle frei bleiben, also daß Celle von keinen Feinden was wissen wird.
19. Wer fliehen wollte, sollte nach den Kirchmohr fliehen, in Braunschweig wird es aber ganz sicher seyn.
20. Das Schlachtfeld hinter den Haagenfeld genannt, wird entweder mit Buchweitzen oder mir Misthaufen bedeckt seyn, gewiß könne er das Jahr nicht aussetzen.
Wickenthies
Von den jungen Hunden sind in Burgdorf welche aufgefüttert.
Die Einwohner der Stadt Burgdorf vernehmen, daß die größten Punkte bereits in Erfüllung gegangen, alle übrigen Punkte sind auch bereist erfüllt, bis auf die Schlacht. Der König hat 7 Söhne. Der Fuder Mist ist umgekehrt. Der Stein geborsten. Der Hof ist abgebrochen. Die Sau hat die Eyer ausgewühlt.“

Bericht von Hauptmann Schneider aus dem Jahre 1827[2]

Die folgenden Aussagen wurden 1757 von Landdrost von Alvensleben und Amtmann Heinfius bei der Befragung des 61-jährigen Hennig Christoph Hillewerth dokumentiert, der in seiner Jugend Aussagen des Wickenthies erfuhr.

„Die alten Männer hätten gesagt: Es wäre die Thiessche Prophezeiung schon eingetroffen, daß in einer alten Weide bei Hans Hennig Meier Wittwe Schloß Garten 5 jungen Hunde sollten gefunden werden. Zwei davon wären wirklich in Burgdorff davon aufgezogen.
Hiernächst sollte eine Zeit kommen, die vor Burgdorff schlecht genug wäre.
Es würde sich rings herum in der Nähe und in der Ferne unteutsch Kriegsvolk versammeln nur die Gegend Braunschweig würde sicher und ruhig seyn. Es würde ein Scharmützel vor großen Burgwedel seyn. Eine Parthei würde in Cabutsmützen über Schillerslage, eine andere über Ahligse kommen. Sie würde an der Dorfstraße zu Burgdorf plündern.
Es würde ein Junge von Heeßel herein kommen ein Brodt zu hohlen. Weil ihm die Schuhschnalle brechen würde würde er das Brodt auf den Schlagbaum legen und nicht Zeit haben es da weg zu nehmen.
Eine große Schlacht und Blut Vergießen würde auf dem Knopsberge vor Burgdorf geschehen und das Blut fließen.
Von den Schießen würde in der Gegend wo Hanebuths Hauß steht feuer auskommen, die Burgdorffer würden es aber wieder löschen. Die Völker würden über Ahrbeck zurückgehen. Einen Wagen Geld stehen lassen der erste und andere der sich solches anmaßte sollte todt geschossen werden, der dritte würde damit durchgehen, die heeßelschen Tannen würden zu der Zeit alle umgehauen seyn. Im Schlachtfelde würden Stiege Buchweizen stehn oder Misthaufen, dieses hätte Thies nicht eigentlich sehen können. Seiner Muthmaßung nach könnte demnach diese Prophezeiung wenn sie eintreffen sollte vor anno 1760 nicht wahr werden, denn alsdann würde dasiges Feld erst wieder aufgenommen.
Von geborstenen Stein voren Rathhaus hätten die alten nichts gesagt, doch sey wahr daß ein anderer Stein da gelegen habe, der von Soldaten einst durch Feuer machen gesprengt sey. Wer gegen die Zeit der Schlacht wolle sicher seyn mußte nach dem Rismannschen Gehäge gehen.
Je weiter nach Hannover je übler und verdorbener würde es aussehen, Hannover würde zum Steinhaufen werden, und zwischen Hannover und Burgdorff wenig bleiben.
Nach den überstandenen Unglück aber würde gute glückliche Zeit einfallen und Burgdorff in Aufnahme kommen.“

Quellen

  1. Unbekannter Autor: Extract aus dem Archiv zu Burgdorf welches von einem Manne nahmens Thies gewahrsagt und theils schon wirklich eingetroffen. Zwischen 1774 und 1814, spätestens 1820.
  2. Schneider, Hauptmann: Der Prophet Wicken-Thies. In: Neues vaterländisches Archiv oder Beiträge zur allseitigen Kenntniss d. Königreichs Hannover u. d. Herzogthums Braunschweig, Lüneburg (Jg.) 1827, 1. Halbband. S. 128 ff.

Literatur

  1. zur Bonsen, Friedrich: Hellsehen. Unerklärliche Fälle aus vergangener Zeit. Augsburg 1999 (Neuauflage von „Das Zweite Gesicht“ von 1908).