Sage von der Schlacht am Kaltenbaum

Aus Bibliothek der Weltenwende
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Franz Xaver von Schönwerth – Aus der Oberpfalz. Sitten und Sagen III, 1859[1]

„Wenn der Wanderer auf der Heerstrasse von Vohenstrauß nach Wernberg, in der Richtung von Ost nach West zieht, befindet er sich auf dem Grad eines langgestreckten Bergrückens, der zu beyden Seiten ziemlich steil abfällt, und unten rechts das liebliche Lärauthal, links das wildromantische Thal der schauerlichen Pfreimd bilden hilft. […] und neben ihm läuft die Spur der alten Handelsstrasse, auf welcher ehedem in der Zeit regeren Verkehres die Landgrafen den Kaufleuten das Geleite gaben. Da nun, hart an der Strasse, zu linker Hand, steht ein einsamer Baum, eine Steinlinde, vor sich einen kleinen Teich, vielmehr Pfuhl, im Rücken einen Einödhof; hier weht der Wind Tag und Nacht, Sommer und Winter, in kalten Strömen, oft in der Stimme des heulenden Sturmes oder des grollenden Donners, und ewig bewegt sich das Laubdach des Baumes und theilt den Schauer des frierenden Wanderers. Darum heißt es hier: beym kalten Baum. Dieser steigt an 80 Fuß empor und beugt seine Krone dankbar über das Wasser, das ihn nährt und tränkt. Er war ein Doppelbaum und steht nur mehr zur Hälfte. In dem Stamme ist eine Nische ausgefault, groß genug um mehrere Menschen aufzunehmen. Sibylla Weis hat ihn gepflanzt, den Baum, den Niemand kennt, und gleich einer Vala von ihm ausgesagt, daß, wenn einst sein Ast stark genug seyn wird, um einen geharnischten Reiter mit sammt dem Rosse zu tragen, die Feinde aus Ost und West in zahllosen Heersäulen hier zusammen treffen werden. Dann werden sie sich eine Schlacht liefern und bis zur Mitternachtsstunde soll das Würgen währen, wovon so arges Blutvergiessen gegen Norden hin entsteht, daß es die Mühle im Thale bey Lind treibt. Davon heißt der Baum auch Schlachtenbaum. Die Rosse der Türken aber werden den Boden bedecken, so weit das Auge reicht, und den Gräuel einer Pest verbreiten, wie sie die Welt noch nicht gesehen. Alles Volk und Vieh fällt ihr zum Opfer. Zuletzt wird ein Hirt heranziehen aus weiter Ferne und in dem Baume Wohnung nehmen, seine zahlreiche Nachkommenschaft aber das öde Land auf's neue bevölkern und fortan in seligem Frieden und Wohlstande besitzen.“

„Ferner heißt es, die Schlacht werde vorfallen, wenn um den kalten Baum drey Höfe entstehen. Erst unlängst siedelte sich ein zweyter Bauer an. Tännesberg.“

„Ist um Waldkirch einmal das Holz so abgetrieben, daß nur mehr Blössen dastehen, so wird die Schlacht am kalten Baum geschlagen und damit das Ende kommen."

Es ist der sogenannte „Kaltenbaum“ gemeint, der noch heute bei einem zur Gemeinde Vohenstrauß gehörenden Einödhof steht.

Quelle

  1. von Schönwerth, Franz Xaver: Aus der Oberpfalz. Sitten und Sagen III. Augsburg 1859.