Hertje

Aus Bibliothek der Weltenwende
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Heimreichs nordfriesische Chronik, 1819[1]

Hochdeutsche Übersetzung

„Um das Jahr 1400 lebte in der Wiedingharde in Nordfriesland eine Frau, die hieß Hertje und war aus ihrer Mutter Leib geschnitten. Etliche erzählen, sie sei in der Goßharde geboren, wie sie denn auch schließlich gen Bredstedt gezogen und allda gestorben ist.
Hertje hat folgende Dinge geweissagt: Es wird ein güldener Ring um die Wiedingharde gelegt werden, der wird keinen Bestand haben. Danach werden zwei Deiche geschlagen, der eine von Tondern, der andere von Rüttebüll nach Brunsot. Daran wird man sieben Jahre arbeiten und er wird viel kosten, aber nicht lange bestehen. Nach der Zeit wird viel Schande und Laster ins Land kommen und keine Ehre wird geachtet werden. Danach wird ein Deich aus der Goßharde ins Moor geschlagen, und nach etlichen Jahren ein anderer Damm aus dem Moore in die Wiedingharde, die werden beide bestehen!
Wehe den Menschen, die dann leben, wenn die Leute vier Arme bekommen und zwei Paar Schuhe an den Füßen tragen und zwei Hüte auf dem Kopfe tragen, und wenn die Würmer aus den Kleidern kriechen. Wehe den Menschen, die dann leben, wenn die großen Pfennings kommen, denn dann wird die große Not auch kommen. Wehe denen, die da leben, wenn Geld von Geld geschlagen wird. Die Zeit wird kommen, daß, wer das Geld abends aufnimmt, er des Morgens nicht wieder ausgeben kann.
Die Zeit nahet, daß die Blumen vor jedermanns Haustür stehen werden. Die Zeit wird kommen, wo der Priester seine Platte bedecken wird und sagen, er sei kein Priester. Und der Ritter wird sein Schwert vornehmen und seine Finger aufrichten und sagen, er sei kein Edelmann. Die Zeit kommt, daß man die Menschen nicht bei ihren Namen nennen, sondern mit Tiernamen rufen wird.
Dem Bauern wird die Kuh abgeschatzt werden, und wenn die Kuh weg ist, wird er das Kalb selbst verbidden und es wird kein Hirte sein, ihn zu verteidigen. Es wird ein Baum auf Niekarken aus dem harten Steine hervorwachsen, darauf wird ein schwarzer Vogel weiße Junge aufziehen. Danach wird eine große Schlacht sein bei Flensburg in Harsledal, daß man bis über die Knöchel im Blut gehen wird.
Es werden fremde ins Land nach Wiedingsharde kommen, die Männer dort ins Haff jagen und in die Häsuer laufen zu plündern. Dann wird ein alter Mann mit einer Glatze auf dem Kopf sagen: ‚Es ist besser ehrlich zu fechten, als so schändlich zu ertrinken,‘ und er wird rufen: ‚Haltet an, wir wollen ehrlich kämpfen!‘ Dann werden die Wiedingharder wieder umkehren und alle erschlagen, die sich zerstreut haben.
Die Zeit wird kommen, wenn der Bauer sein Vieh einhegen will und sieht einen Mann in bunten Kleidern, dann wird er zu seinem Nachbarn laufen uns sagen: ‚Komm und hilf mir den Mann totschlagen!‘ Ach, Wiedingharde wird noch vor Not vergehen. Wehe denen. Die da leben, wenn Winter und Sommer sich vereinen. Die Zeit wird kommen, daß ein wohlgekleideten Edelmann zu einem Bauern beim Pfluge in einem grauen Rock läuft und ihn bittet, mit ihm seinen Rock zu tauschen. Wenn die Berge niedergehen und sich Unglückstätten erheben. Dann wird es schlecht in der Welt stehen. Deetzbüll und Risum werden vom salzen Wasser vergehen, und ein Priester wird das ganze Moor beherrschen. Wie Lindholm die erste Kirche gewesen ist, so wird es auch die letzte bleiben. Zuletzt werden alle diese Länder durch Wasser vergehen und der Schiffer wird zu seinem Steuermann sagen: ‚Hüte dich vor dem Holmer Sand!‘
Hertje hatte einmal einen hölzernen Becher voll Doppelschillinge, dem gab sei Agathe Godder Nissens Großmutter, zum Aufbewahren. Als sie ihn wiederholte, sagte sie: ‚Ich weiß, daß du von diesem Gelde nicht mehr angerührt hast, als diesen Pfenning; den hast du umgewendet!‘
Einst wurde Hertje noch Schloß Gottorp befohlen, damit man ihre Wahrsagungen versuchte. Man legte ihr heimlich Eier unter die Kissen, darauf sie sich niedersetzen sollte, aber sie antwortete nur: ‚Ich mag keine Eier ausbrüten!‘ Ein anderes Mal wurde Hertje von einem Totschläger gefragt, ob er seines Feindes Zorn und List entgehen könne. ‚Gehe ihm nur unverzagt entgegen!‘, sagte sie, ‚und sieh dich nicht dabei um!‘ So geschah es, und er entkam unverletzt.“

Niederdeutsches Original

„Anno 1400 is een Frauwenspersohn in Wiedingharde geweßen, mit Nahmen Hertje uth Moder Liese gesneden. Etlicke willen seggen, se sy in Goßharde gebahren, da se den ock entlich hen gerücket tho Bredstedt und allda gestorven, welke nachfolgende Dinge gewießaget heff.
Idt wart een gulden Rink umme Wiedingharde kamen, de wart neen Bestand hebben.
Darna werden 2 Dämme geschlagen, de eene van Turdern, der ander van Rüttebüll na Brunßod. Dar wert man 7 Jahr an macken und wert vel kosten, aber nicht lange bestahn. Na de Tidt wert veel Schande und Laster int Landt kamen und neen Ehre mehr geachtet werden. Dana wert een Diek uth Goßharde int Mohr geschlagen! Und na etliken Jahren een andern Diek uth dem Mohr in Wiedingharde. De warden beide bestahn!
Wehe den Menschen, de den leven, wen de Lüde 4 Arme kriegen und 2 Paar Schö över de Vote dragen, und 2 Höde up den Kop hebben, und wenn de Wörme ut de Kleder krupen! Wehe den Minschen, de dar leven, wenn de grote Penninge kamen wente wenn de grote Penninge gekamen, so wert dat grote Arge ock kamen. Wehe den de da leven, wen Geld von Geld geschlagen wert. De Tidt wart kamen: dat wenn einer Geld des Avendts upnimt, so schal he idt des Morgens nicht wedder uth geven konnen.
De Tidt nahet, dat Blomen vor allemanns Dühr kamen werden.
De Tidt wart kamen, dat de Prester wert sine Platte bedecken und seggen, sy he neen Prester! Und de Ridder wart sin Schwert vornehmen und sin Finger upholden, he sy neen Edelman! Und de Herren wert sin egen Mendte versacken. De Tidt ward kamen, dat man de Minschen nicht ward by eren Nahmen nöhmen, sondern Beestwiest nöhmen wart.
Idt ward de Koe den Buren abgeschattet warden, und wen de Koe hinweg ist, wart he dat Kalf sülvest verbidden, und wart neen Horde sin de em verdädiget. Idt ward een Bohm uth Niekarken uth den harden Stehen wssen, darup wart een schart Vogel witte Jungen thon. Na den Tidt ward een grote Schlachtung geschehen by Flensburg in Harsledahl, dat man bet över den Enkel im Blode ward gahn! Item Nynkarken ward een Vöhrhuß warden.
Item Nynkarken ward midden int Landt kamen. Idt werden Frembde int Landt kamen in Wiedingharde, und des Man dar int Haff jagen, so warden se na dem Huße lopen, de tho plundern. So ward en oldt Mann mit en Bleß op den Kop seggen, idt is beter ehrlich tho fechten, alß so schändlich tho verdränken und ward ropen, holdet an, wi willen ehrlich winnen. So warden de Wiedingharder wedder umkehren und verschlan alle de verstreuet sind.
De Tidt ward kamen, wen de Bur sin Quick schall börnen, und wärd sehen enen Man in bunten Kledern, so wird he von sinen Quick lopen tho sin Naber und ropen, kom und help my den Haremann to dode schlan. Ach Wiedingharde ward noch vergahn vor verschwar. Wehe denjenen de da leven wen Winter und Sommer sich vermengen.
De Tidt wert kamen, dat en wohl gekledeter Edelman wart lopende kamen, tho eenen Buren by de Plog, mit eenen grauen Rock, und hidden, dat he wolde mit ehm sin Rock verdüthen. Wenn de Bergen dahlgahn, und Missteden upgahn, so wart et üvel in de Welt stahn. Idt ward ock Deßbüll und Risum von den sollten Water vergahn, und een Prester date ganze Mohr regeren. Als Lindholm de erste Karke is gewesen, also ward se ock de letzte bliven. Idt werden thom lesten alle dyse Länder dörch Water vergahn, und de Schipper ward tho sin Stürman seggen, höde di vor Holmer Sandt!
Hertje hesst eenmahl een holten Becker vull Duppelt Sillings gehat, densülven hefft se Agatha Godber Nissens Grotmoder tho verwahren gedahn. Als se densülven weddergekregen, hefft se gesegt: O Trön, und abermahl gesegt, ick weht dat du von dißen Gelde nicht mehr geh?öret als dißen eenen Penning, welken du hefft umgekehret.
Hertje is eenmahl up Gottorff gefordert, damit man ehrn? Wahrseggungen ens möchte versöken. Als man se hät neddersitten heten, und waren hemlicken Eyer under den Küßen, hefft se geantwortet, se möchte nicht Eyer uthsitten. Hertje is eenmahl von eenen Dotschläger gefraget worden, efft he sines Fiendes Tohrn und List engahn möchte. Gah he, sechte se, unverzagt, recht entjegen und seh he nicht tho rügge. Und ist geschehen dat he also unverletzt ist davon gekammen.“

Quelle

  1. Falck, N.: Anton Heimreichs nordfresische Chronik Theil II, 3. Auflage, Tondern 1819, Seiten 341-342.