Hepidanus von St. Gallen

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Der Text ist Ellerhorsts Buch von 1951 entnommen. Die genannten Quellen von 1866 sind lediglich in alten Buchhandlungslisten nachgewiesen, konnten bislang aber nicht gefunden werden.

Pater Ellerhorst – Prophezeiungen über das Schicksal Europas, 1951[1]

„Fünfter Sonntag nach Ostern 1081. Frater Bartolomäus schreibt: ‚Ich war gestern nach den Vigilen mit dem Bruder Hepidanus zusammen und sprach mit ihm über die Ereignisse, welche in jüngster Zeit die ganze Christenheit in Schrecken und Aufruhr gebracht haben. (Investiturstreit zwischen König Heinrich IV. und Papst Gregor VI?) Da sprach Hepidanus zu mir: ‚Folge mir hinaus in den Klostergarten. Ich will dir merkwürdige Dinge mitteilen von dem, was ich gesehen und gehört habe!' Als wir die große eiserne Pforte geöffnet hatten und in den Garten hinausgetreten waren, der sich gegen die Höhen zum schwarzen Kreuz von Mitternacht gegen Mittag ausdehnt, sah ich vor mir im Zwielichte die Berge Welschlands sich erheben.
‚Siehe!' sprach er zu mir, ‚von Mitternacht gegen Mittag ist heute die Erde getrennt und die Menschen haben sich in zwei Heerlager gespalten gegen Süd und gegen Nord. Und der Norden zieht gegen den Süden als Feind, der Sohn gegen den Vater, und das Unglück folgt ihm über die Berge wie die Nacht dem Tage. Aber es wird bald ein Tag anbrechen, da wird ein Licht aufgehen um Mitternacht im Norden und heller strahlen wie die Mittagssonne des Südens. Und der Schein der Sonne wird verbleichen vor jenem Lichte. Alsbald aber wird sich eine dunkle Wolke lagern zwischen jenem Licht und der Menschheit, die danach hinblickt. Ein furchtbares Gewitter wird sich aus dieser Wolke bilden. Es wird den dritten Teil der Menschen verzehren, die dann leben werden. Und der dritte Teil aller Saatfelder und Ernten wird zerstört werden. Auch der dritte Teil der Städte und Dörfer, und überall wird große Not und Jammer sein.‘
Als wir am anderen Tage früh morgens aus der Frühmette zurück kehrten und ich zusammen mit Br. Hepidan im Garten des Klosters arbeitete, sagte ich zu ihm: ‚Mein lieber Bruder, die Rede, welche du mir gestern getan, hat mich zu sehr großem Nachdenken veranlaßt, und ich habe darüber nachgedacht, bis der erste Hahnenschrei den Morgen kündete. Dennoch bin ich darüber nicht klar geworden, und mein Verständnis derselben ist um nichts mehr fortgeschritten.‘
Als ich dies sagte, lächelte Br. Hepidan und erwiderte mir: ‚Mein Bruder! Glaubst du denn, im Flusse, wenn der Wind die Wellen an seiner Oberfläche erhebt, oder in dem angeschwollenen, brausend niederstürzenden Bergstrome das Bildnis deines Angesichtes erkennen zu können? Höre darum! Als ich einst schlaflos auf meinem Lager ruhte, in Betrachtungen versunken, merkte ich plötzlich, wie sich die Dunkelheit in meiner Zelle minderte. Ich war verwundert darüber, denn nach der Konstellation des Großen Wagens zu urteilen, den ich über meinem Haupte erblickte, könnte erst die zweite Stunde nach Mitternacht vorüber oder doch eben angebrochen sein.
Ich richtete mich auf meinem Lager zu sitzender Stellung empor und sah mit Besorgnis, wenngleich nicht ohne heftige Neugierde, nach der Ursache der auffälligen Helligkeit, die meine Zelle erfüllte. Da so erblickte ich rechts vor meinen Füßen an dem Getäfel der Holzwand eine weißliche Kugel von der Größe eines Menschenkopfes, und als ich genauer hinsah, stand auf dieser Kugel eine menschliche Gestalt, fast durchsichtig, aber von Riesengröße. Ich zitterte. Aber der Schatten begann plötzlich von der leuchtenden Kugel herabzuschweben, gleitete lautlos an mein Lager und sprach mit durchdringend scharfer, aber dennoch nicht lauter, sondern weit eher mit leiser Stimme: ‚Öffne deine Augen.‘ Und als die Gestalt dieses gesagt hatte, verschwand sie augenblicklich und ebenso die leuchtende Kugel. Ich befand mich wieder rings von Finsternis umgeben, und ein unendlicher Schrecken bemächtigte sich meiner.
Plötzlich glaubte ich seitwärts ein Geräusch zu vernehmen, wie wenn ein schwerer Vorhang zurückgeschoben oder aufgehoben wird. Ich sah hin und erblickte an einer Seite, nach welcher die Mauer liegt, an die unserer Lieben Frau Kapelle anstößt, ein weites, ungeheures Feld. Mitten auf diesem Felde stand eine Stadt mit Mauem umgeben und von vielen Türmen überragt. Durch die Stadt aber floß ein Fluß ähnlich dem Rheine, der sich in das brigantische Meer (Bodensee) ergießt. Das Tor der Stadt, die ich erblickte, öffnete sich plötzlich, und ich sah zwei Männer aus ihm hervortreten. Der eine war von großer Gestalt und kräftigem Körperbau, er trug das Ordenskleid der Regula des hl. Augustin. Der andere war eine kleine, schmächtige Figur mit lebhaften, blitzenden Augen. Beide zogen aus dem Tor einer Anhöhe zu, die sich vor der Stadt erhebt und auf allen Seiten freiliegt.
Als sie diese Anhöhe erreicht hatten, sah ich plötzlich, wie der eine der beiden Männer, nämlich der in dem Augustiner-Ordenskleide riesenhaft an Größe zunahm. Sein Haupt reichte in die Wolken und sein Schatten überdeckte weithin das Land. Und er erhob seine Hand und schrieb in die Wolken des Himmels und sprach zugleich mit starker Stimme, die gleich einem fernen Donner über die Erde schallte: ‚Ecce, verbum domini, fugite Partes adversarae!‘ (Seht. Das Wort des Herrn, flieht ihr feindlichen Parteien!)
Und indem er mit dem Finger diese Worte in großen Buchstaben an den Himmel schrieb, leuchteten die Buchstaben gleich einem glühenden Feuer und spiegelten sich in den Fluten des Flusses ab, der durch die Stadt strömte. Plötzlich sah ich von Süden her ein heftiges Gewitter heraufziehen. Der Donner rollte furchtbar, und glühende Blitze durchzuckten den Himmel. Aber als sich das Wetter verzogen hatte und ich aufblickte nach dem riesenhaften Manne, sah ich denselben nicht mehr. Aber seine Wolkenschrift leuchtete noch strahlender wie zuvor, und ich sah Tausende von Menschen kommen und nach ihnen blicken und seine Sprache reden, die ich nicht verstand. Als ich alles dieses gesehen hatte, umschattete plötzlich eine Wolke meine Augen, und ich sah nichts mehr von dem glänzenden Bilde. Da sank ich auf mein Lager zurück und es war mir, als hörte ich eine Stimme, die die Worte des Propheten sprach: ‚Mein Sohn fürchte nichts, denn ich bin mit dir; und wenn du das Feuer durchschreiten müßtest, würden die Flammen dir nicht schaden, und der Hauch der Glut würde dich nicht berühren. Ich werde dich aus den Händen der Botschaften befreien und aus den stärksten Armen losmachen.‘
Seit jener Nacht, in der ich jene Erscheinung gesehen, ist es mir oft vorgekommen, daß Gesichte an meinem Lager vorüberzogen. Die große Gestalt, die damals auf der leuchtenden Kugel stand, erschien mir oft und sprach mit mir über verschiedene Dinge.‘
Vom Jahre 1082 schreibt Fr. Bartholomäus in sein Tagebuch: ‚Am Mittwoch nach der Auferstehung des Herrn kam der ehrwürdige Br. Hepidan zu mir und erschien sehr traurig. Als ich ihn nach der Ursache seines Kummers fragte, antwortete er mir: ‚Geliebter Bruder! Warum sollte ich nicht traurig sein, da soviel Trübsal noch dem Menschengeschlechte bevorsteht?‘ Als ich ihn dann bat, mir genauere Mitteilungen über jene Trübsale zu machen, sprach er:
‚Als ich gestern meinen täglichen Gebeten oblag, ward ich plötzlich im Geiste der Zeit entrückt und hinweggeführt an einen fernen Ort. Da sah ich einen Brand gegen den Himmel steigen gleich dem Brande einer großen Stadt. Ich hörte ein Wehklagen von Männern, Weibern und Kindern, sodaß mein Herz sich betrübte. Die Menschen flüchteten sich vor den Gluten des Feuers, und in der Angst ihres Herzens eilte der eine hierhin, der andere dorthin. Aber die Flammen eilten ihnen mit Windesschnelle nach und umhüllten bald hier, bald da Haufen von Menschen und erstickten sie in dem Rauche und dem Qualme. Viele von ihnen waren indes dem Feuer entronnen. Sie liefen in das Wasser des Flusses. Manche von ihnen ertranken, andere wurden von großen Vögeln mit eisernen Schnäbeln, deren Flügelschlag mit seinem Rauschen die Luft erfüllte, weggefangen, wie die Schwalbe im Sommer die Fliege erhascht. Allenthalben herrschte große Angst, Jammer, Not und Elend. Nach einiger Zeit verwandelte sich das Aussehen der Gegend. Das Feuer war erloschen, und alle Spuren seines einstmaligen Daseins waren getilgt. Grüne Saatfelder prangten rings um neu angelegte Städte und Dörfer.
Als ich nun darüber nachdachte, was dieses sonderbare Gesicht wohl bedeuten möchte, sah ich plötzlich die hohe, neblige Gestalt der leuchtenden Kugel vor meinem Bette stehen. ‚Siehe‘, sagte sie zu mir, ‚das sind einige der Tage, so dem menschlichen Geschlechte noch bevorstehen werden. Im Kreislauf der Jahre werden sie herankommen und werden in den Staub treten die Eiche mitsamt dem Felsen, auf dem sie wurzelt.‘ Da erwiderte ich voller Schmerz und Jammer:
‚O, warum ist denn das Menschengeschlecht verflucht zu solchem Geschicke? Weshalb ist es mit größerem Elend geschlagen wie das flüchtige Wild des Feldes? Kann denn der Allmächtige solche Leiden nicht abwenden?‘ Als ich diese Worte gesprochen, sah mich die Erscheinung mit eigentümlichen Blicken an und sprach: ‚Warum wird das Samenkorn in die Erde gelegt und weshalb bedeckt der Schnee die Fluren des Feldes?‘

*

Am Tag der Geburt des Herrn, im Jahre 1083, ward Br. Hepidan von einer heftigen Krankheit ergriffen. Diese nahm während der folgenden Nacht noch sehr zu, sodaß wir alle fürchteten, unser geliebter Mitbruder werde das Irdische segnen und sich dem Ewigen zuwenden. Der hochwürdigste Herr Abt sprach den ganzen Tag hindurch mit unserem kranken Bruder von den ewigen Dingen und der Seligkeit jener, die im Herrn sterben. Aber Br. Hepidan entgegnete, es sei ihm noch nicht beschieden, in das Reich der Toten einzugehen; vielmehr sei ihm offenbart worden, er habe noch fünf Jahre hienieden zu leben. Wirklich besserte sich sein Zustand wieder mehr und mehr, und am Tage der Beschneidung unseres Herrn, im Jahre 1084 , konnte er wieder seine gewohnten Obliegenheiten ausführen. Um diese Zeit teilte er mir eine merkwürdige Schauung mit, die er kurz nach seiner Wiedergenesung gehabt hatte.
‚Ich sah‘, erzählte er mir, ‚in Germanien, wo jetzt die Wälder sich längs der Ufer der Ströme hinziehen, ein ungeheuer großes, fruchtbares, von unzähligen Menschen bewohntes Land. Als ich mit Bewunderung dorthin schaute, hörte ich plötzlich eine starke Stimme gleich dem Brausen des Sturmwindes an den Gipfeln der Berge, die zu mir sprach: ‚Ich bin der Geist, der ausgeht von den sieben Leuchtern vor dem Throne dessen, der da ist, sein wird und war und der waltet über dem Menschengeschlechte seit Anfang der Dinge. Öffne deine Augen und schaue! Höre auf das, was ich dir sagen werde! Siehe! Ich will meine Ferse auf den Erdboden setzen und ein Volk soll emporsprießen, wo jetzt der Wald die Fläche bedeckt und der Eber dem Speer des Unfreien erliegt und der Ur der Falle des jungen Jägers. Ich werde es groß machen unter allen Völkern der Erde. Die Sonne, die von Süden die Welt erleuchtet und erwärmt, will ich nach Norden versetzen, und aus den Gegenden des Schreckens und der Nacht soll ein Licht ausgehen, dergleichen man bisher nie gesehen. Aus Germaniens Gründen wird ein Strom hervorquellen, der die ganze Welt überflutet.
Wehe jenen, die sich erkühnen, dem Lauf dessen zu widerstehen, der seine Pflugschar über die Berge zieht und den Staub seiner Füße gegen Abend am Meere abschüttelt. Es wird unter den Stämmen Germaniens ein Volk auferstehen und ein Haupt werden über alle seine Brüder. Langer Zwiespalt wird dem Glanze seiner Macht vorangehen. Der Herr wird gegen den Knecht und der Untergebene wider seinen Vorgesetzten sein Recht behaupten und verfechten. Dann wird ein Mann auferstehen mitten aus dem Strudel der Parteiungen. Er wird, ohne dem Unrecht Stützpunkt zu sein, doch mit dem Rechte Recht sprechen wider das Recht, und vom Aufgange zum Niedergange wird sein Name in aller Mund sein. Verdammt und gehaßt von den einen, wird er bewundert von den anderen werden. Zwar wird unsägliches Elend an seine Schritte geknüpft sein und sein Name leben in der Geschichte inmitten von Leichenhügeln und Tod.
Auch wird das nicht geschehen, was die Mehrzahl der Menschen glauben wird, was er erstrebe. Er wird viel mehr das Werkzeug des Geschickes sein, dazu bestimmt, die alte Welt in Trümmer zu schlagen und, wollend oder nicht wollend, das Volk, aus dem er hervorgegangen, zur Freiheit zu bringen. Wehe dem, der in jener furchtbaren, aber großen Zeit lebend, seinen Standpunkt versetzt und, geblendet durch das Gaukelspiel trügerischer Dämone, sich auf Abwege begibt, die ihm selbst, seinem Volke und Geschlechte Verderben bringen werden. Denn es werden in jenen Tagen des Zweifels und des Unglaubens falsche Propheten aufstehen und mit gleißender Stimme ihr Gift feilbieten und jene elendig zugrunde richten, die, leichtgläubig und von einseitigen Vorurteilen befangen, ihnen Glauben schenken.
Wer Ohren hat, zu hören, der höre; wer Augen hat, zu sehen, der säume nicht, sie dem Lichte zu öffnen. Ein mächtiges Reich wird in jenen Tagen zugrunde gehen und ein mächtigeres an seine Stelle treten. Von Osten her weht ein Sturm, und aus Westen heult der Wind: Wehe allem, das in den Bereich dieses furchtbaren Wirbels geraten wird. Tausendjährige Herrschersitze werden herabsinken aus ihrer Höhe, gleich wie der Wirbelwind das Strohdach der Hütte fortführt. Zwischen dem Rhein und der Elbe und dem morgenwärts fließenden Strome Donau wird ein weites Leichenfeld sich ausdehnen, eine Landschaft der Raben und Geier. Und wenn dereinst wieder der Landmann seinen Samen ausstreuen wird und dieser emporkeimt, Ähren tragend und Früchte, dann wird jeder Halm in einem Menschenherzen stehen und jede Ähre in eines Menschen Brust ihre Wurzel haben.‘
Als Hepidanus diese Schauung hatte, wagte er es, seinen Schutzgeist zu fragen, wann denn solche schrecklichen Tage hereinbrechen würden. ‚Ich war bei all dem Schrecklichen, das ich vernahm, doch begierig zu wissen, wann es sich ereignen würde und ob die Menschheit bald oder vielleicht erst nach vielen Jahrhunderten für jene Tage reif sei. Als ich diese meine Ansicht meinem Schutzgeist äußerte, erwiderte er: ‚Keinem Sterblichen wird es gegeben, das Jahr und den Tag zu erfahren, wann das in Erfüllung gehen soll, dessen Verlauf ihm offenbart wurde. Aber ich will dich die Zeichen lehren, die jenen Tagen voraufgehen werden und sie ankündigen wie die herüberkommende Schwalbe die Wiederkehr des Frühlings.‘
Als der Genius dies sagte, verschwand plötzlich die weite Fernsicht, welche Bruder Hepidanus gehabt, und als er die Augen erhob gegen die Decke seiner Zelle, erblickte er diese nicht mehr, sondern sah den blauen, sternbedeckten Himmel über sich. Der Geist sagte: ‚Schau empor! Erkenne das Sternbild der himmlischen Krone dort mittagwärts von deinem Scheitelpunkte. In dieser Sternenkrone wird ein neues Juwel eingesetzt werden und ein Stern hellglänzend da erscheinen, wo du jetzt nur die unerforschte Bläue des Weltenraumes erblickst. Wenn dieser Stern als weithin leuchtendes Feuerzeichen erscheinen wird, dann ist die Zeit nahe, wo jene Tage über die Menschheit kommen werden, von denen ich zu dir gesprochen habe. Dann sind die Tage vieler gezählt wie die Tage der Ernte, wenn der Schnitter die Sichel wetzt. Aber die Zeit, wann jenes Zeichen am Himmel erscheinen wird, vorher zu wissen, ist keinem Sterblichen gegeben…‘

*

Als ich mich einst mit unserem ehrwürdigen Br. Hepidan über die Fortschritte unterhielt, welche die umwohnenden Völkerstämme bereits im Laufe der Jahrhunderte gemacht hatten, seit unser Kloster errichtet worden, sagte er zu mir: ‚Ich sah einst in einer nächtlichen Schau einen Mann von riesigem Wuchs. Er saß an einem Bache und war damit beschäftigt, einen Streitkolben aus verschiedenen dürren Holzstäben herzustellen. Als er die Stäbe lose aneinander hielt, leisteten sie nur geringen Nutzen; und ein Schlag, den er damit führte, zerging machtlos in der Luft. Da faßte er die Stäbe und befestigte sie dicht aneinander durch eine Anzahl von eisernen Reifen und Nägeln. Da bemerkte ich einen starken Ur, der mit Wut gegen den am Bache sitzenden Mann anstürmte. Dieser aber richtete sich ohne Furcht empor, trat seinen drohenden Feinden entgegen und streckte ihn durch einen Schlag vor die Stirn zu Boden. Als ich dieses gesehen, sprach die Geisterstimme zu mir: ‚Sieh! So wird dereinst sich ein geteiltes Volk zusammenscharen und umschlungen von mächtigen Banden, und es wird seinen Feinden die Spitze bieten und dieselben mit mächtigen Schlägen niederschmettern. Nachdem dieses aber geschehen, wird das eiserne Band, das alle umschlang und zu vereinter Tat verband, sich lösen und jeder einzelne wird, wenngleich mit der Gesamtheit verbunden, als selbständiges Reis seine eigenen Wege emporstreben.‘

*

‚Ein andermal sah Hepidanus sich im Geiste versetzt und erblickte einen unzähligen Schwarm von Gewappneten, welche über den Donaufluß setzten und unter tobendem Geschrei nach Norden zogen. Von der Elbe nahte sich ein anderer Gewalthaufen, wohl ausgerüstet und bewehrt. Inmitten eines großen Gebirgskessels trafen sich beide Heere. Ein furchtbarer Kampf entstand, und eine ungeheure Menge von Toten und Verwundeten fiel auf beiden Seiten. Die Elbe floß gleich einem Blutstrom durch die Gefilde, und ein unaufhörlich rollender Donner lag über der ganzen Gegend. Mein Blick verdunkelte sich, meine Sinne schwanden allmählich, und eine Stimme sprach zu mir, dem fast Ohnmächtigen: ‚Du siehst jetzt nichts als Kämpfe, Blut, Schlachten und Tod, aber das Geschlecht der Menschen wird nach diesen Kämpfen herrlicher aufblühen als je zuvor. Allerdings werden sehr viele unter den zu jenen Zeiten Lebenden diese glücklichen Zeiten nicht mehr sehen. Sie werden untergehen unter der Brandfackel des Krieges, und Unkraut wird über ihren Gräbern wuchern. Aber alles dieses wird den Lauf der Welt nicht aufhalten. Mögen sich aber jene, die alsdann leben werden, wohl vorsehen.‘
Br. Bartholomäus schreibt weiter: ‚Als wir einst nach dem Begräbnisse eines Klosterbruders von dem Kirchhofe heimkehrten, sprach ich viel mit unserm ehrwürdigen Hepidan über den dereinstigen Untergang der Welt. Er äußerte sich darüber gegen mich in folgender Weise: ‚Es kann niemand das Jahr und den Tag oder die Stunde bestimmen, wann die Welt ihren Kreislauf erfüllt hat und zu dem uranfänglichen Zustand der Finsternis, Wüste und Leere zurückkehren wird. Soviel weiß ich indes bestimmt, daß dieser Tag nicht mehr solange auf sich warten lassen wird wie jener Zeitraum, der zwischen heute und dem Tage liegt, an welchem unser Herr auf die Erde herabkam.‘ (Hepidan starb 1088. Die jetzige Menschheit würde also auf der Erde bis höchstens 2176 bestehen.) ‚Ehe aber der Untergang der Welt erfolgt, werden vorerst gewaltige Kriege ausbrechen und ungeheure staatliche Umwälzungen stattfinden. Den furchtbaren Kämpfen, welche hiermit verbunden sind, wird eine Reihe von glücklichen Jahren folgen. Es wird dann ein Mann aufstehen, der sich dem Laufe der Dinge entgegenstemmt, und seinem Anhange wird es gelingen, eine neue Ordnung ins Dasein zu rufen. Diese wird aber nicht von langer Dauer sein, indem der Untergang alles Lebenden dann vor der Türe steht.‘
In anderen Schauungen sah Hepidan den dreißigjährigen Krieg, die französische Revolution, das siegreiche Auftreten Napoleons I. und dessen Tod voraus, welche der Herausgeber leider nicht mitveröffentlichte.“

Quelle

  1. Ellerhorst, Winfried: Prophezeiungen über das Schicksal Europas. Visionen berühmter Seher aus zwölf Jahrhunderten. München 1951.

Literatur

  1. Verfasser und Titel unbekannt. Lengfeld‘sche Buchhandlung. 5. Auflage. Köln 1866.
  2. Hepidannus von St. Gallen, Visionen und Vorhersagen, die Gegenwart und Zukunft betreffend. Lengfeld‘sche Buchhandlung. 10. Aufl. 8°. 16 S. Köln 1866.
  3. Gann, Alexander: Zukunft des Abendlandes. 1986.