Hanns Tobias Velten

Aus Bibliothek der Weltenwende
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Broschüre über Velten aus dem Jahre 1865[1]

„Auf den Alpen geboren und erzogen, im Gebirge bei meinen Schafen erwachsen, sitze ich jetzt, ein blinder Greis, in meiner stillen einsamen Hütte und über hundert Jahre sind an meinem Auge vorübergegangen mit viel Freud und Leid – achtmal die Zahl 13 füllt mein Leben aus, dessen Ende ich jetzt jeden Tag erwarte.

Gott und allen Heiligen sei Dank! Ich habe dieses lange gnadenreiche Leben als redlicher Christ nicht in Weltlust zugebracht und die Gaben, welche mir der Himmel verliehen, angewendet zu guten Werken – habe mit meinen Erfahrungen und meiner Erforschung der Natur Hunderten von leidenden Menschen und Tausenden der kranken Kreatur Hilfe gebracht und ihnen die Gesundheit wieder hergestellt, ihre Schäden geheilt.

Seit 13 Jahren bin ich erblindet und schleppe mich am Stabe umher oder geleitet an der Hand meiner Ur-Enkel und Ururenkel.

Aber mein inneres Auge ist aufgetan, während mein äußeres sich geschlossen in Finsternis, im Licht. Dieses Licht strahlet in die Zukunft und läßt mich schauen die Begebnisse alle im Lande und in der Christenheit in der geheimnisvollen Zahl Dreizehn.

Zwar erfaßt mich ein unheimliches Grauen, wenn ich die Bilder alle muß in Worten ausdrücken und über meine Lippen bringen, die meine innern Gesichte an mir vorüberziehen lassen, aber wie eine mächtige unwiderstehliche Stimme ruft es in mir: verkünde, was du gesehen, auch wenn die Menschenkinder darüber lachen. So folge ich denn dieser Stimme und beschreibe meine Gesichte.

Noch liegt die Gegenwart vor mir – es ist Friede im Lande und der letzte Krieg liegt hinter uns, aber wenn auch die Donner der Schlachten schweigen, so ist es doch nicht wirklicher Friede, denn überall gärt es und ist Unruhe, denn die Fürsten und Völker ringen miteinander um die Gewalt im Lande und die Armen kämpfen mit den Reichen um das tägliche Brot und der Einzeine kämpft wieder mit dem andern und sucht ihm den Vorteil abzugewinnen, denn alles strebt nach dem Mammon der Welt, um die Lust des Lebens zu genießen.

Auch der Unglaube wuchert überall reichlich auf und sucht den Glauben zu ersticken und der heiligen Religion die Wurzel anzufressen in Wort und Schrift, die wie ein Gifthauch durch die Luft wehen.

Noch fehlt es nicht an Brot und die Erde liefert reichlich ihre Ernten und nährt die Menschen, die Tag und Nacht darauf sinnen, ihr mehr abzugewinnen dusch ihren Verstand und neue Erfindungen.

Allüberall in den entlegensten Tälern steigen neue Schlösser auf, es sind die Fabriken, in welchen Maschinen und Hunderte von Menschen tausenderlei Gegenstände für die Bequemlichkeit des Lebens verfertigen und wo das Land sonst nur Hunderte ernährte, wimmelt es jetzt vor Tausenden, die mit Hantierung aller Art ihr Leben fortbringen.

Noch übersteigen die Geburten die Zahl derer, die ins Grab gesenkt werden und die Städte wachsen täglich an Umfang und dehnen sich weiter und weiter aus. Aber die Menschheit gleichet einem gesunden, blühenden Manne, den eine jähe Krankheit trifft und ihn siech macht, so daß man ihn bald nicht mehr erkennt, wie elendiglich er sich auf dem Lager krümmt, bis ihn der Tod erlöst.

So zeigt sich mir ein neues Gesicht. Der Himmel liegt trüb und schwer auf der Erde, als wollte er auf sie hereinfallen. Alles, was grün war, ist vergelbt und abgestorben, die Quellen und Bäche, ja selbst die Ströme sind fast ausgetrocknet – bleich und abgezehrt schleichen die Menschen über die Straßen und Felder und ringen die abgezehrten Arme über dem Kopfe.

Andere liegen matt und bleich vor den Häusern, halbe lebendige Gerippe, außer Standes, sich nach Hilfe umzusehen. Das spärliche Vieh brüllt nach Futter und erfüllt die Luft mit seinem Jammergeschrei. Die großen Fabriken stehen leer und still, denn ihre Bewohner sind ohne Arbeit und haben in der Verzweiflung die Werkstätten und Maschinen zertrümmert. Nicht besser ist es in den Städten, wo der Hunger und die Not die Spitäler gefüllt und der Reiche heimlich seine Nahrung verzehrt und sich mit bewaffneter Hand vor der Verzweiflung der Not schützt, welche mit ihm teilen will.

In den Kirchen, vor den Altären liegen sie und flehen zum Himmel um Rettung und Erlösung, die sonst nie dort sich eingefunden, sondern bloß den Götzen der Welt geopfert hatten.

Das ist der Engel des Hungers und zweier Fehlernten, welcher das Land aus einem Freudenhaus zu einem Trauerhaus verwandelt hat. Alle Zucht und Ordnung ist aufgelöst, denn die Not hat die meisten Menschen verwildert und jeder sucht mit Gewalt dem anderen den Bissen aus dem Mund zu nehmen.

Gleich einem Vorhang senkt sich eine große Wolke herunter, dehnt sich aus und bedeckt das ganze Bild und als dieser graue Nebel sich nach einer kleinen Weile löst, sehe ich das Land wieder vor mir. Die Fluren standen wieder, aber nur spärlich da und dort angebaut, denn es hatte an kräftigen Menschenhänden gefehlt und auch die Zugtiere waren selten geworden bei dem jämmerlichen Mißwachs an Frucht und Futter. Da und dort belebten sich auch wieder die großen Gebäude, die Fabriken etwas. Dagegen schwärmten noch große Scharen Brot- und Verdienstloser umher und zogen vom Elend getrieben von Haus zu Haus.

Am dichtesten war das Gedränge in den Städten an den großen Flüssen und am Meere, um mit dem Rest der Habe über die hohe See zu fahren nach dem Lande Amerika. Zu Tausenden lagen sie dort in Hunger und Kummer und ohne zureichende Geldmittel auf den Straßen und schauten sehnsüchtig denen nach, die glücklicher waren, als sie, und die sich hatten einschiffen können.

Aber die zurück geblieben erholten sich allmählich wieder, denn mit der zweitem nachfolgenden Ernte hatte der Mangel sein Ende erreicht.

Als hätten sie alles vergessen und sei das harte Strafgericht nur ein böser Traum gewesen, welchen man nach dem Erwachen nicht mehr achte, begann bald das alte Leben und Treiben wieder. In Weltlust und Freude stürzte sich wieder alles, Reiche, wie solche, die von der Hand zum Munde leben. Völlerei und Unzucht, in Städten wie auf dem Lande rissen wieder ein und mit dem Segen des Himmels wurde nach wie vor Mißbrauch getrieben, während die Kirchen leer standen, oder nur besucht wurden, um dort in Kleiderpracht Hoffart zu treiben.

Schon zog sich wieder langsam am Himmel ein Wölkchen herauf, das immer größer und größer wurde, aber noch reifte eine dritte Ernte heran, ehe es sich ganz ausbreitete und zu einem grauen Schleier wurde, der wieder aschgrau sich über das Land ausbreitete.

Die Menschen gewahren es nicht und leben in ihrem Treiben fort. Endlich rötet sich der graue Himmel an einer Stelle, ein feuriger Kern wird sichtbar dunkelrot glühend und wächst, bis er wie eine feurige Rute sich von einem Ende bis zu dem andern zieht. Die Ängstlichen beginnen nachdenklich zu werden und ein unheimliches Grauen ergreift sie – der Leichtsinn spottet der drohenden Erscheinung – die frommen Gelehrten schlagen in ihren Büchern und alten Chroniken nach und wissen nicht, wie sie es anders zu deuten haben, als auf einen Vorboten von besonderen unglücklichen Ereignissen, welche die nächste Zukunft bringen werde nach dem Vorgange früherer Jahrhunderte. Die sich aber weise und klug dünken, sprechen: was geht dieser Komet unsere Erde an, der gehört nicht zu unserer Welt und kann uns keinen Schaden bringen. Da auf einmal wehen heiße Winde, die Luft wird dick und ein Schwefelgeruch haucht aus ihr. Viele Quellen versiegen und an vielen Stellen sprudelt heißes Wasser hervor. Plötzlich tönt es wie ferner, dumpfer Donner, der Himmel steht ganz in Flammen und blutrote Wolken fliegen über das Land. Jetzt erdröhnt der Erdboden, er beginnt an vielen Stellen sich zu regen und zu winden – dann folgen einige furchtbare Stöße und Hunderte von Städten, Dörfern und Schlössern stürzen ganz oder halb zusammen oder versinken in weit geöffnete Schluchten. Ein Erdbeben hat sein Gericht gehalten und am Himmel sieht man zwei Neben-Sonnen in mattrotem Schein links und rechts von der halbverschleierten wahren Sonne. O! welch Gewinsel und Gestöhn, welch herzzerreißendes Gewimmer dringt allwärts in mein Ohr, denn Hunderttausende von Menschen, Alt und Jung, Männer, Weiber, Kinder, 1iegen erschlagen oder krümmen sich winselnd mit zerschellten Gliedmaßen unter den eingestürzten Mauern und Dächern und Überall schlägt des Feuers Lohe in riesigen Säulen zum Himmel auf. Wer sich retten konnte, hat nur das nackte Leben gerettet und sucht Schutz in den Wäldern und verschonten kleinen Hütten.

Dahin ist so viele Pracht des Landes, der Besen der Zerstörung hat sie hinweggefegt, wie ein Tyrus und Sidon, wie Ninive und Babylon, die unermeßlich reichen und großen Städte. Zerstört ist so vieles schöne Land durch den Einsturz von Felsen, welche die Täler füllen. Jammernd schleichen die Menschen umher und bangen jede neue Stunde, daß das Erdbeben sich wiederhole und sie von der Erde vertilge.

Da klärt sich der Himmel wieder auf, die Luft wird rein und frisch – allüberall beginnt es in neuer Hoffnung sich wieder zu regen. Ich sehe vor meinen Blicken die Menschen wie Ameisen hin und her rennen, denen man ihren Bau zerstört, um diesen wieder herzustellen. Bald glänzen wieder von weiß schimmernden Palästen die Städte, die Dörfer erheben sich neu an der Stätte der verfallenen Trümmer, die Spuren der Verwüstung werden hinweggeräumt und über den Gräbern der Umgekommenen wuchert üppig das Gras.

Zwei reiche Ernten sehe ich hintereinander eintun und in den Weinländern können die Leute nicht genug Fässer auftreiben, um den Segen des Himmels aufzubewahren, der als Honigseim von der Ke1ter trieft. Gleichfalls sind die Scheunen gefüllt mit Futter in Hülle und Fülle für das Vieh. In allen Werkstätten rührt es sich munter und fröhlich, denn alles hat sich wieder erholt und immer mehr verschwinden die letzten Spuren der Trümmer aus der Zeit des schrecklichen Erdbebens, indem stattliche Häuser sich über ihnen erheben. Ebenso rauchen wieder die hohen Kamine der zahlreichen, großartigen Fabriken in allen Ecken und Enden, worin Tausende und Abertausende von Arbeitern beiderlei Geschlechts ihr hinreichendes Brot finden.

Die Lastwagen knarren unter ihren schweren Gütern, die hin und her durch die Länder die Waren führen trotz den Eisenbahnen, auf welchen das Gut einer halben Welt dahin rollt und Hunderttausende von Menschen fliegen auf ihr in Geschäft und Verkehr die Kreuz und die Quere. Aber wie an einem schönen Sommermorgen alles in Pracht und Herrlichkeit sprießt und treibt, die Ähren des Feldes wie ein gelbes Meer wogen, die Bäume zu einem reichen Ertrag die Früchte angesetzt haben und die Ströme und Flüsse lustig dahin rollen, indessen der Mensch voller Freude seine Blicke umherschweifen läßt auf die reiche, schöne Natur – so folgt doch oft ein entsetzlicher Abend. Ein einziges Furchtbares Gewitter mit Hagel hat alles zerschlagen, vernichtet und jammernd blickt der Mensch auf die verwüstete Natur und in die bange Zukunft.

Ein schreckliches Bild sehe ich entfalten. Blitz und Donner des Krieges erschreckt das Land und zahllose Wogen fremden Kriegsvolkes strömen über die Grenzen von Aufgang und Niedergang der Sonne. Über alle Gauen wälzt sich das Verderben und macht sie zu blutigen Schlachtfeldern, wo Tausende hingewürgt werden. Wo sonst der Pflug den Boden aufriß, ihm das Saatkorn anzuvertrauen, reißt die schwere Kugel nun lange Furchen, darinnen die frischen Leichen sich betten, wo die Sense und Sichel den Halm niedermähten, arbeitet die Schärfe des Schwerts und legt Garben von erschlagenen Menschen zusammen, wo sonst still und friedlich aus den Hütten der Rauch der Kamine aufstieg, vermischen sich jetzt schwarze Rauchwolken mit dem Feuer, das Tausende von Dörfern in Asche legt. Vom schweren Tritt der Bewaffneten und unter dem eisernen Huf der Rosse wird die Ernte zertreten und vom Hunger und Mutwillen roher Kriegshaufen alle Lebensmittel aufgezehrt und verdorben. Unschuld und Ehen werden geschändet – obdachlos und halbnackt irren die Bewohner umher. Aus den verwesenden Leichnamen aber, die nicht alle begaben werden können, steigen giftige Dünste auf, verpesten die Luft und schreckliche Krankheiten raffen noch mehr Menschenleben hinweg. als das Schwert, das Feuer und der Hunger. Ein Bild der Zerstörung Jerusalems liegt das sonst so schöne Land vor mir und ist ein Klaghaus, eine Mördergrube, ein Pestgrab geworden. Erst nach drei Jahren ziehen die letzten Kriegshaufen aus dem verödeten Lande, die Blüte, die Jugend des Volkes hat das Schwert hinweggerafft, die anderen siechen an Krankheiten dahin und suchen als Krüppel ihre Heimat, die sie oft nicht mehr kennen, so sehr hat der Krieg alles umgestaltet.

Und dennoch ist der Friede noch nicht gesichert, noch immer stehen zahlreiche Kriegshaufen an den Grenzen, um sie zu hüten, noch immer erscheinen vor den Handelsplätzen und Seehäfen feindliche Schiffe und werfen ihr verderbliches Feuer in die Warenmagazine und hemmen den Handel und Verkehr zur See, so daß viele Tausende Not leiden.

Drei volle Jahre bedarf es, bis langsam die schlimmsten Spuren des Krieges verwischt werden, denn in dem ersten Jahr nach dem großen Kriege werden nur wenige Felder bebaut und das halbe Land liegt noch wild von Unkraut überzogen und zerstreut auf ihm hemm die verwüsteten Wohnsitze.

Erst in dem nächstfolgenden sieht es weniger betrübt aus und der Segen des Himmels richtet die Einwohner wieder auf. Die Bettlerhaufen verschwinden, die sich bisher so zahlreich gezeigt, die Unsicherheit auf den Straßen hört auf, welche Räuber und Mörder zum Schauplatz ihrer gräßlichen Taten gemacht hatten.

Und nun kommen zwei reiche Jahre, gesegnet an Frucht, Wein, Obst und Futter. Der Segen ist kaum einzuheimsen, die Scheunen übervoll, daß man das Getreide im Freien aufspeichern muß, mit dem Obst füttert man die Schweine, um es nicht unnütz verderben zu lassen und um den neuen, kostbaren Wein in die Fässer füllen zu können, muß man den geringen alten ins Freie laufen lassen.

So endet das Jahr in unglaublicher Hülle und Fülle. Um so grimmiger gestaltet sich der darauffolgende Winter, der früh einbricht und mannstiefen Schnee auf die Fluren wirft. Die Kälte steigt von Tag zu Tag, die Vögel fallen erfroren aus der Luft, das Wild sucht in ganzen Rudeln vor Hunger und Kälte seine Zuflucht in den Dörfern und läßt sich geduldig mit der Hand fangen. Die Wölfe kommen aus den entferntesten Gebirgen in Gegenden, wo man diese reißenden Tiere nur der Beschreibung nach kennt.

Alle Brunnen und Gewässer frieren ein, so daß über den Rhein und die Donau, ja selbst über den breiten Bodensee Lastwagen gehen. Viele hundert Menschen erfrieren im Freien und werden von Schneestürmen begraben. Ganze Dörfer liegen Monate lang abgeschnitten von allem Verkehr und tief eingeschneit bis an die Dächer.

Erst das Frühjahr bringt Erlösung, aber auch neue Schrecken. Denn jetzt beginnt eine Wassernot vom kleinsten Tale bis in die breitesten Ebenen der Ströme. Rasch schmilzt der Schnee und verwandelt die Bache in wilde Flüsse, die Flüsse in reißende Ströme und die Ströme in Meeresfluten. Ganze Dörfer werden weggeschwemmt mit Tausenden von jammernden, rettungslosen Menschen.

Ein nasses Jahr tritt ein. Mit ihm Krankheiten aller Art. Die geringe Ernte verzehren Heuschreckenschwärme, die vom Morgenland heraufziehen und wie dichte Wolken selbst die Sonne verfinstern. Wo sie sich niederlassen, wird jedes Hälmchen abgefressen und die Fluren erscheinen wie Brachfelder. Eine entsetzliche Not tritt ein und ihre Schrecken werden nur gemildert durch die Vorräte des verflossenen Jahres.

Dazu kommt aber noch ein neuer Feind. Vom Himmel fallen heiße Tropfen, welche Flecken auf den Kleidern zurücklassen, wie einst vor 500 Jahren. Wo die bloße Haut getroffen wird, entstehen giftige Blasen und dann schwarze Brandflecken. Eine allgemeine Sterblichkeit reißt ein, die weit über die Hälfte der Menschen einem schrecklichen, jähen Tod überliefert. Ganze Häuser und Dörfer sterben aus und zuletzt findet man kaum noch um hohes Geld Leute, welche die Toten verscharren. Den Reichen im Palast, wie den Armen in der Hütte fällt die Krankheit mit ihren gütigen Krallen an und erwürgt ihn. Wie ein Wahnsinn ergreift es die Menschen, viele Tausende, statt sich auf den Tod vorzubereiten, überlassen sich in Verzweiflung allen Lüsten der Welt, um diese noch bei gesundem Leibe zu genießen, da jeden Augenblick sie vor dem Tode ja nicht sicher sind. Sie rasen im wilden Tanz umher, schwelgen bei köstlichen Gelagen, Männer und Weiber, und vergessen alle Zucht im Taumel der Lüste.

Während hier der Eine mitten aus dem Tanz herausgerissen wird von der Knochenfaust des Todes, rasen die Anderen fort mit frechem Trotze, bis auch sie ein Raub des Todes werden.

Alle Zucht und Ordnung hat aufgehört, jeder greift zu, wo etwas zu erhaschen ist und was die Toten zurückgelassen haben und weiß selbst nicht, wer vielleicht im nächsten Augenblick wieder ihn mit gewaltsamer Hand beerbt, wenn ihn das Todeslos getroffen.

Erst mit dem Eintritt des Winters läßt diese schreckliche Pest nach und verschwindet allmählich. Aber auch sie hat ein Leichenfeld wieder zurückgelassen, fast noch ärger als der Krieg und noch immer ist die Luft verpestet und die Menschen geben umher mit verbundenen Gesichtern, um den Todeshauch nicht einzuatmen.

Wer kann den Jammer beschreiben, wo so viele Tausende junger, frischer Leben ins Modergrab sinken, die Braut aus den Armen des lieben Jünglings, der Mann in der Kraft seiner Jahre von der Seite des treuen Weibes hinweg, der Säugling am Leichnam der Mutter winselt und zahllose zarte Waisen umherirren ohne Vater, ohne Mutter? Die Welt ist ein Grab, eine Tränenwelt geworden und gleicht einem vom Hagel zerschlagenen Baume, dessen Knospen verwelkend auf dem Boden zerstreut umher liegen.

Seit der großen Pest, genannt der schwarze Tod, die vor 500 Jahren Deutschland und halb Europa verwüstete und zu einer Einöde machte, ist kein solcher Würgeengel mehr über die Länder gefahren. Und doch geht auch diese Zuchtrute vorüber – die Brandflecken, welche sie auf der Erde hinterlassen, überziehen sich wieder mit frischem Leben, denn Gottes Barmherzigkeit in der Natur ist voller Wunderkraft. Sehet die Saaten an nach einem harten Winter, dessen Strenge sie ausgesogen und verkümmert – wie dünn stehen die Hälmchen, man kann sie fast zählen und kaum gibt ihr Grün dem Felde einen schwachen Schein von Leben. Wie mager wird die Ernte ausfallen, kaum das Saatkorn wiedergebend. Und doch, laßt zur rechten Zeit Sonnenschein, Wärme und befruchtenden Regen kommen, wie regen sich in wenigen Tagen die zarten verdorrten oben auf liegenden Würzelchen, wie klammern sie sich wieder freudig an am Erdreich, wie das Kind an der nährenden Mutter Brust.

In wenigen Tagen – wie stockt der Samen um und bildet Büsche und überdeckt die kahlen Stellen und kommt die Ernte heran – wie reich schwankt das Ährenmeer, wie schwer biegen sich die Halme unter ihrer körnigen Kraft!

So ist es auch mit der Menschheit. Wo heute noch durch Krieg und Pest die Dörfer verödet stehen und nur einzelne lebendige Wesen, Leichen gleich umherschweben – da füllt sich nach wenigen Jahren das Land wieder mit Bevölkerung, wenn der Segen des Himmels in reichen Ernten auf die Erde niedertaut.

So geht auch nach diesen Trübsalen wieder eine bessere Zeit auf und auf die sieben magern Kühe folgen umgekehrt die sieben fetten.

Die Kriegswolken und Kriegswetter haben sich verzogen und haben ausgestürmt – nur in weiter Ferne in entlegeneren Ländern grollen sie noch. Die Mächtigen der Erde haben die Waffen niedergelegt und die kleineren Fürsten sind einig geworden unter sich und ihren Völkern. Deutschland hat sich vereinigt aus seinem unablässigen Zwist und wieder einen Bund geschlossen, fester als der alte, welcher in Trümmer gegangen, denn die Gerichte des Himmels haben die Hirten der Völker auf die Bahn des Friedens und der Eintracht geleitet. Die Wünsche des Volkes sind nun erfüllt, ein Reich, ein Gesetz, eine Macht durch das ganze deutsche Reich. Jetzt füllen sich die Flüsse und Meere mit Tausenden deutscher Schiffe, die segeln in alle Weltteile mit den Erzeugnissen des Landes und tauschen köstliche Waren dafür ein. Die Lastwagen fassen kaum die Zahl der Güter, welche der Arbeitsfleiß geschaffen und die Erzeugnisse der einzelnen Teile rollen auf Eisenbahnen in alle Gegenden, welche deren bedürfen und helfen dem Mangel und Bedürfnis dort ab, um andere Gegenstände des Bedarfs dafür zu holen. Wie schön ist es jetzt, da Brüder einträchtiglich und friedlich beieinander wohnen. Während wenige Jahre zuvor alles in Waffen gegeneinander stand und jeder den letzten Fetzen an sich reißen wollte, wo die Adler auf den Fahnen einander mit ihren Krallen anfielen und blutig sich gegenseitig zerfleischten.

Aber auch in Glaubenssachen hat der alte Hader sein Ende erreicht, der Unfriede ist dem frieden gewichen und die Priester auf den Kanzeln sind duldsam geworden gegen die, so eines anderen Glaubens leben, denn alle sind sie ja Kinder eines Gottes und Vaters – die Strafgerichte haben auch hier einen Geist der Liebe und Duldsamkeit erweckt. Nicht so friedlich steht es in andern Ländern außerhalb des deutschen Vaterlandes und in andern Weltteilen. Wohl hat längst der Bruderkrieg in Amerika aufgehört und Millionen neuer Einwanderer sind in die fruchtbaren Gefilde eingezogen, um dort sich ihre Hütten zu bauen, wo der Boden nur auf die Hände wartet, welche ihn bebauen sollen. Aber der lange blutige Kampf hat die Kriegslust der Amerikaner in Flammen gesetzt, sie haben sich dadurch erst recht als eine kriegerische Nation fühlen gelernt und welche Macht bis jetzt verborgen in ihnen schlummerte, die sie stets nur den Werken des Friedens oblagen. Im wilden Ungestüm werfen sich ihre Heere, als sie untereinander ihren Streit abgemacht hatten, beinahe noch von den Schlachtfeldern hinweg auf das benachbarte Reich Mexiko, über welches Reich der Kaiser Napoleon, nachdem er den Freistaat erobert, einen österreichischen Prinzen als Kaiser gesetzt hatte. Die Arbeit war eine leichte, den neuen Kaiser vom Thron zu stürzen. Da eilt Frankreich mit seinen Kriegsschiffen herbei, um sehen Schützling zu unterstützen. Blutige Seeschlachten werden nun geschlagen und bis nach Frankreich herüber segeln die kecken Amerikaner, um die Seestädte daselbst zu beschießen und zu zerstören. Zahllose Schwärme von bewaffneten Schiffen zeigen sich überall, wo ein französisches Schiff auf der See sich erblicken läßt.

Während so Frankreich kämpft und fort und fort den kürzeren zieht, lachen seine früheren Bundesgenossen die Engländer und freuen sich im Stillen, daß den Übermütigen Franzosen die Köpfe blutig gewaschen werden und ein stolzes Kriegsschiff derselben um das andere verloren geht, zu tot gehetzt von zahllosen kleinen amerikanischen Schiffen, die wie die Hornissen über ein Pferd, so über die riesengroßen Kriegsschiffe herfallen. Endlich muß Frankreich unterliegen. Aber darum verstummt der Donner der schweren Riesengeschütze nicht – denn nun gilt die wilde Kriegsjagd den Engländern. Ihre Besitzungen an den Grenzen der Amerikaner werden von zahllosen Landtruppen angegriffen und erobert und auf der See entspinnt sich ein noch viel blutigerer Kampf. Wohl gelingt es den Engländern, manche schöne amerikanische Hafenstadt halb in Asche zu legen mit dem furchtbaren Feuer ihrer Kriegsschiffe; aber dafür fallen Tausende von Millionen an Waren den flinken, verwegenen Amerikanern in die Hände. Auf allen Meeren der Welt in Ost- und Westindien, wie in Australien und Europa treffen die Gegner mit ihren Schiffen auf einander im verzweifelten Kampfe. Jetzt ist das Lachen an den Franzosen und mit ihnen gönnen es noch viele Nationen den Engländern, daß ihnen endlich einmal die Herrschaft auf den Meeren bestritten wird und sie zuletzt der Macht eines jungen Volkes unterliegen müssen. Laut schallt der Jubel, den man England zuruft: Hochmut kommt vor dem Fall.

Fast um die gleiche Zeit entbrennt das Kriegsfeuer in Italien. Wohl hat der König Viktor Emanuel manche Staaten eingenommen und seine Hausmacht bedeutend vergrößert. Aber das Reich will doch nicht einig werden, obgleich es jetzt eine andere Hauptstadt hat. Die unzufriedene Partei und die Anhänger der alten von Viktor Emanuel gestürzten Könige zu Neapel haben sich zu einer starken Macht zusammengeschart und kämpfen mit ihm um ihren alten Besitz. Zu ihrer Unterstützung eilt Spanien herbei und so zieht sich ein jahrelanger Kampf dahin, dessen Ende man noch nicht absehen kann.

Drüben in der Nachbarschaft im türkischen Reiche fällt alles auseinander, denn aufs neue hat sich Rußland daran gemacht, Konstantinopel zu erobern und zum Bundesgenossen Österreich gewonnen, sowie den Vizekönig von Ägypten, welcher, obwohl selbst ein Bekenner Mohammeds, doch die Gelegenheit ergreift, einen großen Teil des türkischen Reiches an sich zu reißen. Vergebens suchen die Engländer den Sultan zu unterstützen und den morschen Thron desselben aufrecht zu erhalten. Sie sind von dem amerikanischen Krieg noch zu sehr geschwächt, um der Macht der Russen und deren Verbündeten zu begegnen und Frankreich mischt sich nicht in den Streit, denn der Kaiser Napoleon liegt auf dem Sterbebette, und zahl der Natur den Tribut, den jeder Sterbliche entrichten muß.

Zahllose russische Heere stürmen gegen Konstantinopel und der Sultan muß fliehen, nachdem er die letzte Schlacht vor den Mauern seiner Hauptstadt verloren hat. Jetzt ist der Halbmond erblaßt, der über vierhundert Jahre über der Stadt geglänzt hat und wieder wird, wie einst, das Kreuz auf der herrlichen Hauptkirche daselbst weithin im Morgenlande strahlen. Ein russischer Prinz nimmt jetzt seinen Sitz als Stadthalter in Konstantinopel, welchem die Krone in der heiligen Stadt Jerusalem aufgesetzt wird, das nun auch von der Herrschaft der Türken befreit ist.

So trägt nun Rußland zwei Kaiserkronen, die Krone von Moskau und die Krone von Konstantinopel, und Österreich erhält zum Lohn für seine Beihilfe große Länderstrecken weit hinunter an der Donau. Während so ringsumher in der Welt große Ereignisse und Veränderungen vorgehen, blüht der Friede in Deutschland. Seltene milde und regelmäßige Jahreszeiten bringen in einer Reihe von Jahren reichliche Ernten hervor. Die Winter sind nur mäßig kalt und dauern meist kaum 2 Monate, die Frühlinge sind mild, die Sommer warm und feucht. Keine Nachtfröste und Spatfröste schaden den Saaten und den Weinbergen, kein Ungeziefer der Blüte des Obstes. Kein Wunder, daß alles. Frucht, Futter, Obst und Wein in Hülle und Fülle gerät. Ein nie erlebter Wohlstand kommt unter den Bauernstand, der trotz der Wohlfeilheit der Erträge doch durch den Überfluß der Ernten gewinnt. In den neuen Dörfern, welche aus den Trümmern der verflossenen Kriege sich erheben, gestaltet sich Alles freundlicher und schöner mit der Zunahme des Wohlstandes und die kleinsten Orte gleichen jetzt an Reinlichkeit und Gefälligkeit ihrer Häuser ländlichen Städten.

Der Arbeiter- und Tagelöhnerstand ist der früheren Arbeit entrissen und verdient ein schönes Geld, um sich und die seinigen reichlich nähren zu können.

Neue Maschinen und Gerätschaften aller Art sieht man im Ackerbau allgemein eingeführt, um die Hauptarbeiten schnell und billig zu verrichten, Da tönt der dumpfe Schall in allen Dörfern vom Dreschmaschinen und draußen auf der Flur geht der Dampfpflug, die schönsten, regelmäßigsten Furchen zu ziehen, es zeigt sich die Dampfmähmaschine auf den Wiesen und im Ährenfeld. Der Mensch hilft nur nach und hat leichte Arbeit, während die Kunst der Maschine des Menschen Geist als Knecht Untertan ist und für ihn das Schwerste arbeitet.

Ein gleiches Schaffen und Wirken zeigt sich in den zahllosen Fabriken, die gleich Schlössern überall entstehen und die Anzahl der früheren vermehren.

Dieser reichliche Lohn der Arbeit, welchen Ackerbau und Gewerbe bringen, zeigt sich nun auch im Äußeren der Menschen, sie kommen reinlicher und besser gekleidet daher, sie haben nun ein weniger strenges Geschäft und brauchen sich nicht mehr vom frühen Morgengrauen bis in die sinkende Nacht hinein abzuarbeiten. Sie haben mehr Ruhestunden und darum mehr Zeit, ihren Geist auszubilden und etwas Nützliches, Belehrendes zu ihrer Unterhaltung zu machen.

Die Unwissenheit und Roheit nimmt ab und die Bildung, bessere Sitten kehren mehr und mehr bei dem Volke ein. Man glaubt unter ganz anderen Menschen zu wandeln wie früher. Die Wirtshäuser sind nicht mehr gefüllt mit lärmenden jungen Gästen, die saufen und fluchen und johlen und sich zuletzt herumraufen. Sie betragen sich heiter und lustig aber nicht in roher Weise, sie singen und brüllen keine wüsten Lieder mehr, sondern erfreuen sich an gesitteten Weisen.

Prozesse und Händel aller Art werden immer weniger vor den Gerichten, denn durch die vermehrte Bildung lernt das Volk auch seine Gesetze besser kennen, aus deren Unwissenheit so mancher Streit entspringt.

Auch Zucht und Ordnung zeigt sich mehr unter den beiderlei Geschlechtern, denn die vielen Hindernisse für die Ärmeren, welche den Ehestand erschweren, sind jetzt beseitigt und darum kehrt auch in diesen alten Übelstand des bürgerlichen Lebens ein besserer Geist ein zum Segen des Familienlebens.

So wären denn die 13 Jahre und ihre schweren Ereignisse wie ihr glückliches Ende dem lieben Leser vor Augen gestellt, um ihn zu stärken in den Tagen der Trübsal mit der gewissen Hoffnung, daß auch in diesem Zeitraum das alte Sprichwort gilt: Ende gut – alles gut!“

Quelle

  1. Die geheimnisvolle Zahl Dreizehn! Merkwürdige Prophezeiungen des 104jährigen Alpenschäfers Hanns Tobi. Velten über die wichtige Zukunft der ereignisvollen Jahre 1865 bis 1877. Stuttgart 1865.