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Es ist komplex

Taurec ⌂ @, München, Sonntag, 06. Juli 2014, 00:46 (vor 1084 Tagen) @ rauhnacht

Hallo!

Gehst Du denn davon aus, dass sich mit der ( ich nenns jetzt mal) Interpretation der Bilder zum „russischen Feldzug“auch andere Inhalte hierzu „gewandelt“ haben oder andere Wertungen bekommen könnten?

Nein. Feind bleibt Feind.

Ich bin nun nicht wirklich überrascht über Deine Deutungen, schließlich ist mir Deine Gewichtung zur Bewertung von Vielem analog Spenglerschen Überlegungen bekannt.

Mich würde es sehr interessieren, wie Du denn die Szenen aus den Feldpostbriefen ( als eine der wenigen letzten „Instanzen“) in Deinem Szenario unterbringst. Bekannterweise kommt Russland in der Wertung nicht ganz so gut weg.

Du kennst auch meine Bewertung der "Langzeitstrategie" und desgleichen. Die Annahme, daß die Russen als Kommunisten (!) die westliche Welt aufrollen würden, halte ich für ein Produkt der Zeit des Bestehens der Sowjetunion, das inzwischen obsolet geworden ist. Das dürfte um so einleuchtender werden, je mehr Zeit seit dem Untergang der Sowjetunion vergeht. An einer Gefahr aus Rußland für unsere Souveränität ändert das an sich aber nichts.

Kapitalismus <-> Kommunismus ist ein Gegensatz, der nur für den abendländischen Menschen Sinn hat(te). Der Bolschewismus war für die Russen das Mittel, ihren verwestlichten Adel loszuwerden. Kommunisten waren sie innerlich nie. Nachdem die westliche Gesellschaft völlig links versucht ist (insb. seit dem 68er Umschwung), nicht aufgrund einer Langzeitveschwörung, sondern infolge natürlicher kultureller "Verwesungsprozesse", und sich das kommunistische System totgelaufen hat, konnten die Russen diese "Maske" Bolschewismus fallen lassen und versuchen nun unter Putin sich als traditionelle Alternative zur westlichen Selbstzersetzung zu etablieren.

=> Sie streifen im Laufe der Jahrzehnte mit zunehmendem Verfall des Abendlandes Schicht um Schicht abendländischer Überprägung ab. Es bleibt der Kern der faustischen Zivilisation, also Geld und Technik. Da hängen die Russen wegen der Verflechtungen Rußlands mit der globalisierten Welt, ihrer nach Maßstäben einer gesunden Welt immens großen, ernährungsbedürftigen (Über-)Bevölkerung und der Notwendigkeit, die "Weltsprache" der Technik zu sprechen, um überhaupt bestehen zu können, ganz tief mit drin. Jeder Versuch sich zu sezessieren bleibt halbgar, solange die globale Zivilisation faustischen Zuschnitts steht, die alle unter ihr Joch zwingt wie eine unaufhaltsame Naturgewalt. Allein ein russischer "Aufstieg" ist relativ, wenn sich die Russen wegen geringerer Fallhöhe (z. B. höherer Grad der Autarkie) zunächst besser halten als der desolate Westen.

Aber die Geld-Technik-Zivilisation muß zusammenbrechen, weil ihr irgendwann der "Brennstoff" ausgeht. Wenn das mathematische Ende des Schuldsystems nicht ausreichend Sand ins Getriebe wirft, dann wird es spätestens so weit sein, wenn auch durch technische Innovation die Rohstoffe zur Ernährung und Beschäftigung einer wachsenden Milliardenbevölkerung nicht mehr gefördert oder recycelt werden können. Wie befinden uns in einem reinen, globalen, endlichen Vernutzungsprozeß mit wachsender Komplexität und Anfälligkeit. Irgendwann ist Schluß, unvermeidlich. Dann geht es auch mit den Russen massivst bergab und sie werden zu kämpfen haben, als Volk überhaupt zu überleben. Die Bevölkerung Russlands betrug um 1800 rund 40 Millionen, etwa ein Viertel des heutigen Standes. Auf ein vorindustrielles Niveau, auf dem sich die Menschen mit einfachen Mitteln aus eigener Kraft ernähren können, muß die Bevölkerung weltweit irgendwann wieder zurückgehen. Wie soll das ohne Katastrophe möglich sein (auch wenn man die Schauungen mal nicht einbezieht, allein auf Grundlage der Tatsachen)?

Wenn aus meinem Beitrag der Eindruck entsteht, die russisch Hinwendung zur Tradition wäre die Rettung für uns alle und die fatale Richtung, in welche sich die Welt bewegt, wäre verlassen worden, so ist das ein Trugschluß. In meinem vorigen Beitrag habe ich mich auch nur auf das bezogen, was näher an der Oberfläche des Tagesgeschehens im Gange ist, das übergeordnete Problem außer Acht lassend. Die Perspektive war zu eng gefaßt, um alles zu erfassen.

Ja, glaub ich durchaus auch. Aber leider KEINESWEGS in derart positiv beseelter Form, wie es oben vermeintlich bei Dir zu lesen ist.
Ich meine, vielleicht ist es angebracht, die Rolle Russlands aus der Sicht der Schauungen heraus an dieser Stelle noch einmal genau zu betrachten.

Die Sache ist natürlich in Relation zu betrachten. Auch wenn die Russen nicht kommunistisch sind, bleibt der Ost-West-Gegensatz zwischen zwei Kulturkreisen bestehen.
Auch wenn uns die Russen zeitweise (im Vorlauf) den Hintern retten und begrenzt für Stabilität sorgen, sind sie dennoch unsere Gegner, weil es sich bei ihnen um eine fremde, überindividuelle Lebensform, eben die "russische Kultur" oder den Keim derselben handelt. Die ganze Politik dieser Lebensform ist darauf ausgerichtet, sich von der abendländischen kulturellen, nunmehr zivilisatorischen Dominanz zu befreien. Wenn ganze Schichten in den russischen Städten dem westlichen Lebensstil anheim fallen und der Staat Gesetze gegen krasse Dekadenzerscheinungen beschließt, ist das nichts weiter als ein Zeichen für den Frontverlauf in diesem Kampf.
Für einen Deutschen oder Europäer muß es aber ebenso unerträglich sein, dauerhaft unter russischer Herrschaft zu leben. Instinktiv bleiben die anderen immer der Feind.

Die russische Hinwendung zur Tradition ist kein schlechtes Zeichen. Mit der begrenzten Zahl Menschen in der westlichen Gesellschaft, die ähnlich empfindet und deren Kultur durch die Zivilisation zersetzt wird, verbindet die Russen ein gemeinsames Interesse. So mögen sie zeitweise wie Verbündete erscheinen und als Ordnungsfaktor positive Wirkungen zeitigen. Längerfristig sind sie aber unsere Gegner, da wir, ebenso wie sie ihr seelisches Lebenskonzept ausleben wollen, wir unseres ausleben wollen.
Der Lebenskampf wird nur enden, wenn eine der beiden Seiten verschwindet. Dieser tief empfundene Gegensatz hat sich natürlich auch in den Prophezeiungen niedergeschlagen, wo in den ältesten Volkssagen (Westfalen) bereits über den Gegner aus dem Osten siegreich triumphiert wird oder der Gegner mit allerlei Gräueln verbunden ist.

Diesen JENSEITS ALLER IDEOLOGIEN ANGESIEDELTEN GESELLSCHAFTSAUFBAU siehst Du bitte; wo?
Oder ist dies eine idealisierte Hoffnung für die Zukunft?

Ich habe natürlich keinen Einblick in die russische Gesellschaft und kann mich nur auf Berichte verlassen, aus denen ich meine Schlüsse ziehe.
Zum Beispiel gibt es da den russischen Philosophen Alexander Dugin, der von mir unbekannter Stelle (aber mir in Erinnerung geblieben) als Putins philosophischer Vater oder Stichwortgeber bezeichnet wurde. Der sagt sinngemäß:
"Zur Abwehr dieser Bedrohung sei ein “offensiver Traditionalismus” bzw. eine Gegenglobalisierung erforderlich, in der sich auf unterschiedlichen ethnokulturellen Traditionen beruhende Bewegungen zusammenschließen. Er fordert ein globales “Netzwerk aus Traditionalisten, konservativen Revolutionären, Heideggerianern … und Nonkonformisten aller Art – eine Art Heilige Front jenseits von Links und Rechts”."

Das ist nichts anderes, als was Spengler bereits 1933 sagte, nämlich daß die nicht abendländischen Völker, nachdem das Abendland in Verfall geraten ist, zum Sturm gegen das selbige blasen würden. Dazu gehört auch, alles westliche, inklusive Ideologien, fallen zu lassen. Der natürliche, vorzivilisatorische Mensch ist nicht ideologisch, sondern gläubig in einem undogmatischen Sinne, wie die Russen seit der Wende zunehmend wieder russisch-orthodox.

Andere, wie eben z. B. Die Feldpostbriefe gehen aber zumindest für die Zeit des „dritten Geschehens“ durchaus von gar keiner positiven Entwicklung aus. Weder für Europa wegen russischen Wirkens, noch für Russland selbst.

Ja. Es geht allgemein bergab. Positiv ist nur vorübergehend. Ich halte es aber nicht für unmöglich, daß dieses zeitweise "positiv" das Zünglein an der Waage ist, das für das Überleben einzelner oder gar unseres gesamten Volkes, nicht als Zahl, sondern als Idee, entscheidend ist. Wenn sich die Deutschen unter russischem Einfluß leichter berappeln können, kommen wir vielleicht besser durch den Flaschenhals. Es muß ein Milieu entstehen, aus dem sich der Imperator erheben kann. Daher sind die russischen Bestrebungen zwar ein willkommenes, aber nichtsdestoweniger zweischneidiges Schwert.

Gruß
Taurec


„Es lebe unser heiliges Deutschland!“

„Was auch draus werde – steh’ zu deinem Volk! Es ist dein angeborner Platz.“


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